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Ergebnisstand der aktuellen Umfrage:


Lomachenko vorzeitig
[ 2 Stimmen (33.33%)]

Lomachenko nach Punkten
[ 3 Stimmen (50.00%)]

Das Duell endet Unentschieden
[ 0 Stimmen (0.00%)]

Rigondeaux vorzeitig
[ 0 Stimmen (0.00%)]

Rigondeaux nach Punkten
[ 1 Stimme (16.67%)]


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Über Sebastian Sylvester

Das Portrait

Sebastian Sylvester (Foto: Sauerland)Sebastian Sylvester (Foto: Sauerland)

Jede Story benötigt eine gute Einleitung. Sie soll den User fesseln und zum Weiterlesen animieren. Wie beginnt man also eine Geschichte über den früheren Box-Weltmeister Sebastian Sylvester? In seinem Falle liefert der zurückgetretene Kämpfer selbst mit einer Anekdote die Einleitung. Die ist so unglaublich, wie überhaupt die Karriere des Greifswalders bei näherer Betrachtung unfassbar ist.

Beginnen muss man dafür mit dem 27. Mai 2002. An diesem Tag stand der Mittelgewichtler am Abend auf dem Balkon seines Hauses, rauchte eine Zigarette und nippte an einem Glas mit Wodka, dass er mit Geschmackswasser gemixt hatte. Er blickte nach vorne – in eine ungewisse Zukunft. Denn der Profiboxer Sebastian Sylvester hatte einen Tag zuvor sein Debüt gegeben. Und in der ersten Runde gegen Yuri Zytsev verloren. Völlig überraschend. In den Wochen zuvor hatte der Neuprofi im Gym des Wiking-Box Teams hart trainiert und schon nationale Meister im Sparring in die Schranken gewiesen. Alles war also angerichtet für einen erfolgreichen Start bei den Berufsboxern. Manager Winfried Spiering rührte die Werbetrommel, Sylvester galt in Berlin noch vor seinem ersten Fight als Nachwuchshoffnung. Dazu verpflichtete Spiering mit Zaytsev „eine richtige Wurst“, wie Sylvester sagt. Auf dessen Börse das Wiking-Team am Kampftag noch 500 Euro extra drauflegen musste, damit der überhaupt in den Ring stieg. „Und dann laufe ich in der ersten Runde in so ein Brett“ meint der Greifswalder auch zehn Jahre später noch kopfschüttelnd. Da stand er also auf seinem Balkon. Das Kopfkino ratterte. Die Box-Laufbahn versemmelt, was hatte er in der strukturschwachen Gegend für Perspektiven?

Sylvester dachte an Arbeitslosengeld II und Hartz IV. In dem Moment klingelte das Telefon. Hartmut Schröder einer der Assistenz-Trainer im Wiking-Team, bestellte seinen Schützling für den morgigen Tag zum Training. „Da habe ich ihm gesagt, was soll ich im Training? Die Laufbahn ist beendet. Ich komme gerne zum Quatschen, aber was soll ich Sportsachen mitbringen?“. Doch Schröder ließ sich nicht abspeisen. „Dann rollen wir das Feld eben von unten auf, ganz ohne Druck“ soll er Sylvester sinngemäß gesagt haben. Sie einigten sich schließlich auf eine Laufeinheit am Montagmorgen. Möglicherweise hat Hartmut Schröder mit diesem Telefonat die Laufbahn von Sylvester gerettet. Aber das konnte damals noch keiner ahnen. Auf jeden Fall, und hier endet die Einleitung dieser Story, schnippte Sylvester die Zigarette vom Balkon und kippte den Inhalt seines Wodka-Glases hinterher. Sebastian Sylvester hat danach nicht mehr geraucht.

Sylvester trainierte in den folgenden Wochen weiter fleißig. Als hätte es den Ausrutscher gegen Zytsev nie gegeben. „Talent hatte ich ja nicht, also ging es nur über den Fleiß“ meint der Mittelgewichtler. Im August 2002 gelang der erfolgreiche Start, mit einem Punktsieg über Andreas Möller fuhr Sylvster den ersten Sieg ein. Und entwickelte sich in den folgenden Monaten stetig weiter. Zunächst mit Chef-Coach Dieter Donath, später mit Manfred Gebauer. Im Oktober 2003 wurde er gegen Roman Aramyan BDB Internationaler Meister, wenig später holte er sich auch den vakanten BDB DM Gürtel. Im Jahr 2004 wechselte Sylvester erneut den Trainer: Auf Manfred Gebauer folgte nun Hartmut Schröder, mit dem er zunächst auf nationaler Ebene weiter erfolgreich agierte. In einem Meisterschaftskampf gegen den unbesiegten Dirk Dzemski setzte er im Juli 2004 ein weiteres Ausrufezeichen.

Im Dezember des Jahres gewann er im Rahmenprogramm einer Sauerland-Veranstaltung die IBF Inter-Continental Krone durch einen K.o. Sieg gegen Roberto Roselia. Und unterzeichnete einen Promotervertrag mit dem Berliner Unternehmen, fortan boxte Sylvester häufiger bei Sauerland-Veranstaltungen. Und gewann im Sommer 2005 die Europameisterschaft gegen Morrade Hakker. „Das war ein erstes richtiges Highlight. Toll. Ich war nicht gerade mit Talent gesegnet und habe mir den Titel durch hartes Training und Disziplin erarbeitet“ denkt Sylvester an diesen schönen Erfolg zurück. Nach zwei erfolgreichen Titelverteidigungen kam der Kampf gegen den unbesiegten Amin Asikainen. Das Duell war eng, mit leichten Vorteilen für den Champion. Dann kam die achte Runde. „Ich habe mich super gefühlt, hätte vermutlich noch zehn Runden boxen können. Und wollte den vorzeitigen Sieg. Ging also nach vorne. Und wurde unvorsichtig“. Das Ende ist bekannt, der Greifswalder wurde in dem Durchgang gestoppt.

Danach hatten ihn nicht mehr viele auf der Rechnung, doch Sylvester kam zurück. Nach einem Aufbaukampf gewann er drei internationale  Meisterschaftsduelle nach Version WBA, ehe es im Juni 2007 zu dem Rückkampf gegen Asikainen kam. Sylvester stoppte seinen Bezwinger in der elften Runde – nachdem er im ersten Durchgang selbst schwer durchgeschüttelt wurde. Und zeigte einmal mehr, dass er über ein riesiges Kämpferherz verfügt. Nach zwei erfolgreichen Titelverteidigungen stand im April 2008 im Duell gegen Javier Castillejo nicht nur die EM Krone auf dem Spiel. Es war auch ein Title-Eliminator der WBA. Sylvester schlug den Spanier in der letzten Runde K.o. und  forderte Weltmeister Felix Sturm heraus.

Vor dem Duell gab es immer wieder Provokationen in Richtung Sturm, den das Wiking-Team weiter Adnan Catic nannte. Im November standen sich beide Kontrahenten im Ring gegenüber. Das Wiking-Team hatte die Vorbereitungen weitestgehend  in Eigenregie durchgeführt und man war absolut siegessicher. Kurz vor dem Fight machten sich die Berliner sogar über den kleinen Ring lustig. Dies würde wohl auf einen vorzeitigen Erfolg von Sebastian hinauslaufen, war die Schlussfolgerung. Bekanntlich aber war es Sturm, der Sylvester von der ersten Sekunde an unter Druck setzte – und nicht wie erwartet in einem großen Ring weglief. Sturm siegte nach zwölf Runden haushoch nach Punkten. Gerade nach den Sprüchen im Vorfeld des Kampfes war die Vorstellung des Greifswalders fast peinlich. Der Tiefpunkt seiner Karriere ist es überraschenderweise nicht: „Rückblickend ist dieser Kampf der absolute Glücksfall in meiner Laufbahn. Ich halte Adnan immer noch für einen arroganten Typen. Darum geht es aber gar nicht. Nach der Niederlage habe ich viele Dinge ganz anders hinterfragt. Man stelle sich vor, ich hätte Sturm geschlagen. Dann wäre es alles wie unverändert weiter gelaufen. Ich hätte irgendwann richtig Probleme bekommen u.a. mit dem Finanzamt.“ Sylvester überdachte seine Situation, kündigte beim Wiking-Box Team und überwarf sich mit Manager Spiering. Im Zuge dieser Kündigung kam es auch zur Trennung von Hartmut Schröder.

Sylvester sprach mit Sauerland Event und unterschrieb dort einen Vertrag. Neuer Trainer wurde Karsten Röwer, den Sylvester noch aus Amateurzeiten kannte. „Ich bin Sauerland dankbar und auch Karsten, dass man mir die Chancen gegeben hat und mir einen WM Kampf ermöglichte“. Der kam aber auch nicht von alleine. Zunächst räumte Sylvester  Gaetano Nespro und Lajuan Simon aus dem Weg. Alles Weitere dürfte noch in Erinnerung sein. Im Jahr 2009 gewann Sylvester gegen Giovanni Lorenzo knapp, aber verdient den IBF WM Titel und verteidigte diesen Titel drei Mal erfolgreich, ehe er im vergangenen Jahr von Daniel Geale entthront wurde. „Ich war nach der Urteilsverkündung überrascht. Geale hatte mehr Schläge abgefeuert, ich dagegen die klareren Treffer“. In der Tat lagen die Punktwertungen weit auseinander, zwei Punktrichter hatten aber Geale vorne. Danach folgte die Niederlage gegen Proksa. Auch wenn eine Cut Verletzung zur Aufgabe führte, in dem Kampf wirkte Sylvester alt, sein polnischer Kontrahent agil und frisch. Sylvester zog die Konsequenzen und trat etwas später mit einem Rekord von 34-5-1 (16) zurück. „Ich wollte die Tingeltour nicht noch mal machen“.

Die Boxfans würdigten es mit Respekt. Sylvester war nie einer, der groß auf den Putz haute, er war eher der bodenständige und solide Arbeiter unter den Boxern. Und er kämpfte sich im wahrsten Sinne des Wortes nach oben. Sylvester blieb dem Sport verbunden, machte den Trainerschein und denkt auch an eine Rückkehr in den Ring. „Vielleicht sucht Daniel Geale ja einen Gegner für eine freiwillige Titelverteidigung.“ Jetzt schon hat er aber das Maximum aus seiner Karriere heraus geholt. „Mehr ging überhaupt nicht. Von der Aussicht auf Hartz IV zum Box-Weltmeister.“ Wer hätte das gedacht, am 27. Mai 2002.

Alles Gute, Sebastian Sylvester.

zurückIngo Barrabas, 19.09.2012

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